Zpráva

Okt 21st, 2016 | By | Category: Meldungen

Ich blicke tief hinunter. Ich stelle mir vor, ich springe: Bungee-Jumping. Es läuft mir eiskalt den Rücken hinunter und ich bin froh, dass ich nur auf der Aussichtsplattform des Münchner Olympiaturms stehe. Auf der Glasscheibe aufgezeichnet ist, in welcher Richtung Landshut liegt. Und genau in derselben Richtung, nur 300 km Luftlinie weiter, befindet sich Prag, die Hauptstadt unseres Nachbarlandes Tschechien. Das ist nicht das einzige, was uns mit unserer Austauschschule Tabor in Südböhmen verbindet. Der Olympiaturm war ein Programmpunkt der Austauschwoche vom 10.10. bis zum 15.10.2016., als unsere tschechischen Freunde bei den Familien der deutschen Schüler zu Gast waren.

CZ LogoZum ersten Mal wurde dieser Austausch großzügig vom Deutsch-tschechischen Zukunftsfonds gefördert. Daher konnten wir ein interessantes Programm aufstellen, ohne die Finanzen der Gastfamilien über Gebühr zu strapazieren. Den ersten Abend verbrachten die tschechischen Schülerinnen und Schüler bei ihren Gasteltern. Dort konnten sie sich in Ruhe kennen lernen und von der Anstrengung der siebenstündigen Zugfahrt erholen.CZ 1

Anderen Tags ging es mit dem Überlandbus nach Stünzbach bei Buch am Erlbach, wo uns die Familie Seisenberger auf ihrem Bauernhof empfing. Während das Wohnhaus der Bauern ein Schmuckkästchen aus der frühen Neuzeit ist, verbirgt sich im neuen Viehstall High-Tech. Im Offenstall melkt ein Roboter die Kühe, die sich ihm nähern, wann sie wollen. Liebling aller Besucher war aber ein Stier-Kalb. Obwohl nur wenige Tage alt, benahm es sich neugierig, frech und aufmüpfig – eben ganz ein Junge. Die Herzen vieler Schülerinnen und Schüler brach außerdem ein nur zwei Tage altes Kalb, das noch ganz erschöpft in seiner Bucht ausruhte. Nach Weißwurstfrühstück und obligatorischem Gruppenfoto fuhren wir zurück zur Schule.

 

CZ 2Im Rahmen des Literanauten-Projektes der Stadtbücherei hörten wir einer Lesung des deutsch-tschechischen Jugendbuchautors Jaromír Konečny. Aber was heißt Lesung? Konečny schilderte uns seine absurden Abenteuer zu Beginn seiner Zeit in Deutschland. Heftig rang er mit den deutschen Umlauten, z.B. in den Pluralwörtern Bären, Wölfe und Füchse. Dann wieder schlüpfte er in die Rolle einer seiner Hauptfiguren und verwandelte sich in einen verzweifelten 16-Jährigen, der mit Internatsschülerinnen Strip-Flaschendrehen spielen muss. Das verstanden Tschechen wie Deutsche und wir lachten gemeinsam aus vollem Hals.

 

Am Mittwoch-Morgen hieß es: 8.00 Uhr, Unterrichtsbeginn. Der Tag bot den tschechischen Schülern die Möglichkeit, den deutschen Schulalltag kennen zu lernen. Mittags empfing uns der dritte Bürgermeister Gerd Steinberger im Rathaus-Prunksaal und begrüßte die Gäste feierlich. Auch Frau Wittmann, die Direktorin der Berufsschule II und ihr Stellvertreter Herr Etzel würdigten die tschechischen Jugendlichen und drückten ihre Hoffnung aus, dass der Austausch eine gute Tradition wird. Wir blieben in der Stadt. Die Aufgaben der Stadtrallye konnten nur gelöst werden, wenn Deutsche und Tschechen zusammenarbeiten. Denn die Fragen waren auf Deutsch, die Antworten-Auswahl aber byl česky.

Ein Ausflug nach München durfte im Programm natürlich nicht fehlen. Nach einer kurzen Führung vom Stachus die Neuhauser und Kaufinger Straße entlang hatte die CZ 3Schüler-Schar Zeit, ausgiebig zu shoppen. Den frühen Nachmittag verbrachten wir auf dem Olympia-Gelände. Wir besuchten die Olympia-Schwimmhalle und das Stadion. Der ehemalige VIP-Bereich des markanten und denkmalgeschützten Behnisch-Bauwerks birgt eine Menge an Erinnerungen an die große Zeit der Olympischen Spiele, der Fußball-Weltmeisterschaft und der ehemaligen Heimstätte vom FC Bayern sowie 1860 München. Die beiden Konkurrenzvereine mussten sich zwar eine Umkleidekabine teilen, weigerten sich aber, dasselbe Telefon zu benutzen. Also gibt es zwei, ein rotes und ein blaues. Leider sieht man dem Stadion genau an, dass seine besten Zeiten vorbei sind und dass es heute eigentlich ohne Funktion ist.

 

Der Freitag führte uns in die Römerstadt Regensburg. Doch nicht die glorreiche Geschichte von Legionären und Kaisern interessierte uns, sondern der vormoderne Alltag. Und so erfuhren wir viel über Henker, Bettler und Prostituierte. Ohne einem ehrbaren Stand anzugehören, war ihr Leben von Unsicherheit und Diskriminierung gekennzeichnet – manchmal aber auch von Glück. Froh, solchen Zeiten entwachsen zu sein, erkundeten wir die Stadt noch auf eigene Faust.

Genauso interessant wie das offizielle Programm waren für fast alle Schüler aber die Treffen mit den tschechischen Freunden am Nachmittag und am Abend. Es ist Tatsache: Aus Gästen sind Freunde geworden. Daher wundert es nicht, dass am Samstag-Morgen am Bahnsteig viele Tränen flossen. Beinahe hätten einige tschechische Schülerinnen das Einsteigen vergessen und er Zug wäre ohne sie abgefahren. Ahoi und Servus. Bis nächstes Jahr!

CZ 4

 

Achim Reinhart

 

 

Tags: